{"id":5623,"date":"2016-07-27T08:38:41","date_gmt":"2016-07-27T07:38:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kompass.de\/?p=5623"},"modified":"2016-07-27T08:38:41","modified_gmt":"2016-07-27T07:38:41","slug":"kuhtrittmuscheln-mysterioese-versteinerungen-am-arlberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kompass.de\/magazin\/inspiration\/kuhtrittmuscheln-mysterioese-versteinerungen-am-arlberg\/","title":{"rendered":"Kuhtrittmuscheln: Mysteri\u00f6se Versteinerungen am Arlberg"},"content":{"rendered":"<p>Bei Wanderungen am <a href=\"http:\/\/www.kompass.de\/hoch-hinaus-spannende-klettersteige-am-arlberg\/\">Arlberg<\/a> entdeckt man am Wegesrand schon mal seltsame Steine, die an versteinerte Kuhhufen erinnern. Kein Bild aus fremden Galaxien, sondern eine versteinerte &#8222;Kuhtrittmuschel&#8220; in der Region. Das Kalkgebirge entstand aus Lebewesen.<\/p>\n<p>Wer w\u00fcrde im Lechtal einen Ausflug ans Meer erwarten? Tats\u00e4chlich entstand das Gestein rund um den Oberlauf des Lechs im Salzwasser \u2013 allerdings schon vor etwa 220 bis 230 Millionen Jahren und sehr viel weiter im S\u00fcden. Die Erkenntnisse der Geologen entf\u00fchren uns gleichsam auf eine Reise durch Raum und Zeit: So entstand der harte Kalk, der die schroffen Felsw\u00e4nde der Allg\u00e4uer Alpen und die verkarsteten Hochfl\u00e4chen rund um die Lechquelle bildet, in einem tropischen Korallenmeer, wie man es heute um die Malediven vorfindet, und zwar gro\u00dfteils aus Algen und Korallenriffen. In manchen Gebieten \u2013 z. B. im w\u00fcstenhaft trockenen Steinernen Meer nahe dem Formarinsee\u00a0 \u2013 entdeckt man heute noch unz\u00e4hlige versteinerte Reste von\u00a0 Ammoniten, Kalkschw\u00e4mmen oder Seeigeln, die diesen unglaublichen Vorgang bezeugen. Nat\u00fcrlich ging die Sedimentation nicht von heute auf morgen vor sich:\u00a0 25.000 Jahre dauerte es, bis so viele\u00a0 abgestorbener Lebewesen auf den Meeresboden sanken, dass daraus eine Kalkschicht wurde, die heute vier Meter dick ist. Vier Meter? Der <a class=\"tour_destination_coord\" href=\"http:\/\/www.kompass.de\/touren-und-regionen\/touren\/?tour_destination_coord=47.31194,10.35611\">Gro\u00dfe Krottenkopf<\/a>, der h\u00f6chste Gipfel der Allg\u00e4uer Alpen, w\u00e4chst mehr als 1.600 m \u00fcber das Lechtal hinaus!<\/p>\n<h4>Vom Meeresboden auf 3.000 m<\/h4>\n<p>Noch ein wenig h\u00f6her ragen die Lechtaler Alpen empor. Die l\u00e4ngste Gebirgskette der N\u00f6rdlichen Kalkalpen besitzt mit der Parseierspitze sogar deren einzigen Dreitausender. Geologisch gesehen ist dieser verzweigte Kamm zwischen dem Lech, dem Inn und dem Stanzer Tal ganz besonders vielf\u00e4ltig. Die meisten seiner Gipfel bestehen aus an sich hartem, wegen seiner hohen Kl\u00fcftigkeit jedoch leicht verwitterndem Hauptdolomit, einer Mischung von Kalk und Magnesit. Man erkennt ihn leicht an den vielen gro\u00dfen Schutthalden. Der Dolomit wurde in flachen und mindestens 30 Grad warmen Meeresbecken &#8222;geboren&#8220;. Zwischen diesen Gesteinspaketen sind weichere Materialien eingelagert, die sich durch sanfte, abgerundete Gel\u00e4ndeformen, fruchtbaren Boden und eine dementsprechend \u00fcppige Vegetation verraten. So sind die &#8222;Grasberge&#8220; der Allg\u00e4uschichten einerseits f\u00fcr ihre herrlichen Blumenwiesen bekannt, aber auch wegen ihrer Murtobel und Lawinenanbr\u00fcche gef\u00fcrchtet. Wer dieses vor etwa 200 bis 158 Millionen Jahren am Grund des \u201eJurameeres\u201c abgelagerte Gestein n\u00e4her betrachtet, wird an seinen Bruchfl\u00e4chen meist dunkelgraue Flecken erkennen \u2013 Erinnerungen an winzige Tiere, die den Schlamm als Nahrungsquelle nutzten.<\/p>\n<p>Was ebenfalls auff\u00e4llt: Die Gesteinsschichten liegen nicht nur, wie man es nach ihrer Entstehung erwarten w\u00fcrde, horizontal. Da und dort sind sie steil aufgestellt und bizarr verformt. Dies geht auf den zweiten und noch dramatischeren Akt der Gebirgsbildung zur\u00fcck: Seit vor etwa 135 Milllionen Jahren der &#8222;Superkontinent&#8220; Pang\u00e4azerbrach, schwimmen riesige Kontinentalplatten auf dem z\u00e4hen Mantel des fl\u00fcssigen Erdinneren. Die afrikanische Platte bewegt sich bis heute gegen den europ\u00e4ischen Urkontinent, \u00fcberschob Teile davon (wovon z. B. die Vulkane S\u00fcditaliens zeugen) und faltete riesige Gebirgsw\u00e4lle auf. So entstanden seit etwa 100 Millionen Jahren die Pyren\u00e4en und der nordafrikanische Atlas, die Alpenkette und der Karpartenzug.<\/p>\n<p>Durch den unvorstellbar langsamen, aber ebenso unerbittlichen Druck der Kontinaldrift wurden die einstigen Meeresablagerungen \u00fcber das Wasser gehoben, hunderte Kilometer nach Norden verfrachtet und wirr verbogen \u2013 an manchen Stellen so sehr, dass \u00e4ltere \u00fcber j\u00fcngeren Gesteinsschichten zu liegen kamen. An manchen Stellen sank das Gebiet wieder ab, das Meer drang ein weiteres Mal ein und die Sedimentation begann von vorne.<\/p>\n<p>Im deutlichen Gegensatz zu den hellen Kalkalpen stehen die dunklen Bergriesen der Verwallgruppe. Dieses Gebirge zwischen dem <a href=\"http:\/\/www.kompass.de\/immer-oben-die-schoensten-huettentouren-im-montafon\/\">Montafon<\/a> und dem Paznaun, dem Kloster- und dem Stanzer Tal geh\u00f6rt zu den Zentralalpen und besteht \u2013 abgesehen von kleinen Kalkbereichen im Stanzer Tal oder dem Itonskopf bei Bartholom\u00e4berg \u2013 aus kristallinem Baumaterial wie Gneisen, Quarzphyllit oder Hornblendegesteinen. Die Gneisberge zeigen vergleichsweise sanfte Gel\u00e4ndeformen, die Hornblendegesteine bilden jedoch atemberaubend k\u00fchne Gipfel, darunter etliche Dreitausender. Auch ihre Genese klingt unglaublich: Im Zuge der Alpenauffaltung gerieten Teile des Sedimentgesteins und der ozeanischen Erdkruste unter die afrikanische Platte, wo sie sich unter gewaltigem Druck und gro\u00dfer Hitze ver\u00e4nderten. Dieses &#8222;Umwandlungsgestein&#8220; kam sp\u00e4ter wieder nach oben \u2013 damit wurden aber auch die Kalkschichten gehoben und rutschten in ihre heutige Position am Nordrand der Alpen.<\/p>\n<h4>Gebirge im Wandel<\/h4>\n<p>H\u00e4tte da wie dort nicht der Zahn der Zeit zu nagen begonnen, w\u00e4ren die Alpen heute vielleicht bis zu 15.000 m hoch. So aber lockert der Frost das Gestein, Schnee und Regenwasser transportieren abgeplatzte Felsbrocken in die T\u00e4ler, Fl\u00fcsse tragen den Schutt ins Flachland hinaus. Als besondere Landschaftsbaumeister bet\u00e4tigten sich nat\u00fcrlich die <a href=\"http:\/\/www.kompass.de\/die-groessten-gletscher-der-welt\/\">Gletscher der Eiszeiten<\/a>, die Gipfel und Kare zu ihrer heutigen Form modellierten und die typischen Trogt\u00e4ler des Inns oder des Lechs hinterlie\u00dfen. Zudem verdanken wir ihnen Bergseen, Mor\u00e4nenw\u00e4lle und Bergsturzhalden. In einigen Karen halten sich bis heute noch <a href=\"http:\/\/www.kompass.de\/extreme-gletscherschmelze-in-diesem-sommer\/\">kleine Gletscher<\/a> und steile Eisfelder, die seit ihrem letzten H\u00f6chststand vor etwa 150 Jahren mehr und mehr zusammenschmelzen. Man sieht: Die Landschaft lebt \u2013 und ein neugieriger Blick entlockt ihr so manches Geheimnis!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Wanderungen am Arlberg entdeckt man am Wegesrand schon mal seltsame Steine, die an versteinerte Kuhhufen erinnern. Kein Bild aus fremden Galaxien, sondern eine versteinerte &#8222;Kuhtrittmuschel&#8220; in der Region. Das Kalkgebirge entstand aus Lebewesen. Wer w\u00fcrde im Lechtal einen Ausflug ans Meer erwarten? 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